Leseprobe


Ein E-Book, ISBN: 978-3-9814947-0-9 
Hier erhältlich: Rheingau-Roulette

1. Kapitel: April 2006
In der frühlingshaften Wärme Unkraut zu jäten war kein Vergnügen. Alexandra überlegte, ob sie eine Alternative hatte. Einen Gärtner konnte sie sich nicht leisten. Sie richtete sich auf und fuhr sich mit dem Arm durch das schweißnasse Gesicht. Der Vorgarten sah nicht so aus, als ob sie seit drei Stunden darin arbeiten würde. Zwischen dem Rhododendron auf der einen und dem kleinen Fliederbaum auf der anderen Seite streckten ein paar schmale Lilien ihre verdickten Stängelenden nach oben in die Sonne. Alexandra seufzte. Ob sie nicht doch nach einem jungen Mann suchen sollte, der ihr behilflich sein könnte? Sie ließ ihren Blick über den kleinen verwilderten Vorgarten schweifen. Ihr Rücken schmerzte und ihre Laune sank mit jedem Büschel Unkraut, das sie entdeckte. Oder jedenfalls mit jedem entdeckten Büschel, dass sie für Unkraut hielt. Wenn sie erst an den hinteren Teil des Gartens dachte, wurde ihr übel. Es war aussichtslos, das riesige Grundstück in einen gepflegten Garten zu verwandeln. Jedenfalls aussichtslos für sie und ihren fehlenden grünen Daumen. Wie hatte es ihre Oma nur geschafft, den ganzen Garten einigermaßen in Schuss zu halten? Und was hatte sie nur veranlasst, ihr dieses riesige Grundstück zu vererben? Sie wusste doch, dass sie keine Ahnung vom Gärtnern hatte.
„Ach Oma“, sie seufzte erneut. Eine Träne vermischte sich mit den Schweißtropfen und rann ihr die Wange hinab. Sie war in Schottland, als sie die Nachricht vom Tod ihrer Oma erreichte. Oma Liesel war eine Seele von Mensch, immer bereit ihr letztes Hemd herzugeben und jedem Trost zu spenden, der ihn brauchte. Alexandra wusste das nur zu gut und der Verlust der geliebten alten Frau traf sie hart. Die Beerdigung vor ein paar Wochen war groß gewesen, sehr groß. Der kleine Friedhof am Ortsrand war trotz der herrschenden Eiseskälte voller Menschen, die Oma Liesel das letzte Geleit geben wollten. Das Grab, das mit einem Eispickel aufgehackt werden musste, lag am Rand des alten Friedhofteils, der mit Birken und einer alten Kastanie gesäumt war, die ihre kargen Äste in den milchigen Himmel streckten. Auf die Grabstelle, die sie mit ihrem Mann teilte, hatte sie zu Lebzeiten einen Flieder gesetzt, den sie über alles liebte. 
„Der Duft, der meine letzte Ruhe begleitet. Schöner kann man nicht liegen, oder?“ Das waren Oma Liesels Worte, als sie das letzte Mal gemeinsam auf dem Friedhof waren. Rotnasig, verfroren und verheult stand die Familie am Grab, so lange, bis sie den eisigen Wind nicht mehr aushielten und dem Rest der Trauergesellschaft in die Gaststätte folgten. Oma Liesel war im Ort sehr beliebt und das Lokal, in dem das Kaffeetrinken nach der Trauerfeier stattfand, platzte aus allen Nähten. Die stickige Luft der Gaststätte, die sich mit Ausdünstungen feucht-kalter Mäntel und dem dumpfen Geruch der anwesenden Menschen mischte, war erdrückend. Es war der Geruch des Todes, alt, modrig und belastend. Dagegen halfen auch die zart duftenden Blumengestecke nicht, die auf den Tischen dekoriert waren. Und auch wenn es tröstlich war, die Menschenmengen zu sehen, die sich von dieser liebenswerten alten Dame verabschieden wollten, halfen sie nicht über den Verlust hinweg. Es waren die nächsten Familienangehörigen, die sich gegenseitig den eigentlichen Trost gaben. Die bitteren Tränen, die Alexandra über den Verlust ihrer Großmutter weinte, wurden nicht durch das stattliche Erbe getrocknet, das ihre Oma ihr und ihrer Cousine Caroline hinterlassen hatte. Ihren Grundbesitz hatte sie zum Teil schon zu Lebzeiten in der Familie verschenkt. Den Hauptteil des Erbes hatte sie jedoch nur ihren beiden Enkelinnen, zu denen sie eine innige Beziehung pflegte, vermacht. Es gab noch ein beträchtliches Barvermögen, dessen Existenz bis dahin in der Familie unbekannt war. Dieses Geld stammte aus Spekulationsgeschäften, wie ihnen die Bank mitteilte. Dass Oma Liesel spekuliert hatte, wusste niemand und hatte die Familie sehr überrascht. Die Bank hatte Caroline und Alexandra als Haupterbinnen letzten Monat zu einem Gesprächstermin gebeten, um die Konten aufzulösen und zu fragen, was mit dem Geld geschehen sollte. Alexandra erbte die Hälfte, fünfzigtausend Euro von dem Barvermögen und das alte Haus, das auf einem riesigen, parkähnlichen Grundstück von etwa zweitausend Quadratmeter stand. Zuerst hatte sie sich gefreut, aber als sie im Ort ankam und sie sich das merkwürdige Haus mit den hässlichen grauen Fensterläden genauer ansah, wurde ihr schwindelig. 
Seit ihrem letzten Besuch im Sommer waren die Spuren der Verwahrlosung wesentlich markanter geworden. Oma Liesel hatte keinen Sinn mehr darin gesehen, sich auf ihre alten Tage mit Handwerkern herumzuärgern. Sie hatte immer gesagt, für ihre Bedürfnisse sei es ausreichend komfortabel. Sie wolle keinen Dreck und Lärm in ihrem Haus und sich die letzte Lebenszeit mit Bau-Stress versauen. Außerdem wäre sie ohnehin dauernd unterwegs oder im Garten, eine aufwändige Renovierung wäre Geldverschwendung. Möglicherweise hatte sie damit sogar Recht. Der äußerliche Eindruck des Hauses war verlebt, der innere Zustand spiegelte dieses Bild auf bedrückende Weise wider. Unten hatte das Haus ein geräumiges Wohnzimmer mit einem großen Ofen, einem Bad und eine kleine, schmale Küche. Eine alte, steile Holztreppe mit ungleichen Stufen führte in das obere Geschoss mit vier kleinen Stuben. Im Schlafzimmer von Oma Liesel gab es einen Kohleofen, ansonsten waren die oberen Zimmer nicht zu heizen, daran konnte sich Alexandra erinnern. Betreten konnte sie die drei anderen Räume nicht. Sie waren bis zur Tür vollgestellt mit Säcken, Kisten und Kartons. Insgesamt hatte das Haus etwa hundert Quadratmeter, auf zwei Etagen verteilt, einen Keller und einen Dachboden.
Das Bad war in einem fürchterlichen Zustand. Die gelblichen Kacheln waren abgeplatzt oder gesprungen, die Armaturen kaputt, das warme Wasser kam aus einem Boiler, der seine besten Tage schon lange hinter sich hatte und die Badewanne rostete vor sich hin. Immerhin funktionierte die Toilette, wie Alexandra dankbar feststellte. In der schmalen Küche gab es kaum Licht, weder von außen, da direkt vor dem Küchenfenster eine riesige Fichte stand, deren dicke Äste bei Wind am Fenster klopften, noch von innen. An der Decke hing eine verblichene Tütenlampe aus den fünfziger Jahren, die ein diffuses Licht verstrahlte. Alexandra vermutete, dass sie mal grün war. Neben der Spüle aus Emaille stand der Herd – ein Monstrum aus den letzten Jahren vor dem Mauerbau. Auf der gegenüberliegenden Seite stand ein altes Büfett mit Geschirr und Töpfen. Der Boden war uneben und mit zerschlissenem braunen PVC belegt. Das ganze Haus hatte einen vergilbten Anschein und der vermoderte Geruch nach altem Gemäuer und altem Mensch nahm einem den Atem. 
Alexandra konnte es drehen und wenden, wie sie wollte, dieses Haus war renovierungsbedürftig. Sehr renovierungsbedürftig. Sie wusste nur noch nicht, ob es wirklich möglich wäre, dieses Haus in einen modernen Zustand zu versetzen, oder ob es einfach nur reif für die Abrissbirne war. Das Schlafzimmer hatte sie drei Tage gelüftet und sich dort vorübergehend eingerichtet. Caro, die drei Häuser weiter wohnte, hatte ihr angeboten, bei ihr zu wohnen. Aber Alexandra hatte es abgelehnt. Drei kleine Kinder, einen Hund und einen Ehemann, der im Keller mit zwei Angestellten arbeitete und Ruhe brauchte, das wollte sie sich nicht antun. Außerdem hätte sie sich das Zimmer mit der ältesten Tochter von Caro teilen müssen. Oder Natascha aus ihrem Reich vertreiben müssen. Das hätte ihr Natz, wie sie gerufen wurde, nicht verziehen. Dann doch lieber den Geruch von Oma Liesel.
Sie warf das letzte gerupfte Unkrautbündel auf den Berg, der sich neben ihr angesammelt hatte und ging zur Tür. Der Schlüssel steckte von außen. Alexandra schob die schwere Haustür auf und legte einen Keil unter, damit Luft ins Haus kam. Sie holte sich aus der Küche einen Apfel, setzte sich auf die Treppe vor der Tür und lehnte sich müde an die Wand. Die Häuser standen hier wie in einem lichten Wäldchen, zwischen Bäumen versteckt, die gerade ihre frischen Blätter der Sonne entgegenstreckten. Der Ort war ruhig. Sehr ruhig. Man konnte kaum glauben, dass es nur eine halbe Stunde bis nach Berlin war. Die ungünstige Anbindung des öffentlichen Nahverkehrs und die schmale Bundesstraße, die viel Schwerverkehr fassen musste, hatten bisher verhindert, dass sich der Berliner Speckgürtel bis in dieses verschlafene Örtchen ausdehnte. Erst in den letzten Wochen waren die ersten Pendler hier hergezogen und jetzt begannen die größeren Baugesellschaften, sich nach Grundstücken umzusehen. Die Bundesstraße, die weit genug am Ortskern vorbeiführte um die Beschaulichkeit nicht zu stören, würde im Verlauf der nächsten Jahre zu einer vierspurigen Schnellstraße ausgebaut und die Immobilienpreise zogen langsam an. So betrachtet konnte sie vielleicht ihr Grundstück gut verkaufen, wenn sie noch ein bisschen wartete. 
Die Luft stand. Es war viel zu warm für einen Tag im April. Alexandra warf den Apfelgrotzen auf den Unkrauthaufen neben der Tür. Dort, wo der Apfel aufschlug, flog ein Pollenwölkchen auf und eine dicke Hummel brummte empört davon. Stickiger, staubiger Dunst hing über dem Vorgarten und die Sonne war unerbittlich. Selbst das Hundegebell, das aus der Dorfmitte herüberdrang, klang müde und verschwitzt. Kinderschreie, die sich mit dem Geräusch von platschendem Wasser und quietschenden Spielgeräten zu einem steten Lärmpegel wie ein Geräuschteppich verbanden, tönten durch die warme Luft. Schluss für heute, beschloss Alexandra. Stöhnend stand sie auf, um die letzten Gartengeräte aufzuräumen und die Gartenabfälle zu entsorgen. 
„Hallo Letzie!“ Charlotte, Carolines jüngste Tochter stand vor dem Gartentor. 
„Hallo Lotte. Na, darfst du denn allein durch die Gegend laufen?“ 
„Mama hat desadt, bis zu dir darf ich.“ Neugierig beugte sich Charlotte nach vorn. „Machst du?“
„Ich habe im Garten gearbeitet und jetzt räume ich auf.“ 
Alexandra strubbelte Charlotte liebevoll mit der Hand durch die kurzen blonden Haare. „Und dann gehe ich duschen. Da freue ich mich schon die ganze Zeit drauf.“
„Hm, tut. Wenn du sauber bist und tut riechst, tommst du zu uns. Taffee tinken.“
„Oh Lotte, das ist ja eine schöne Idee. Hat die Mama dich geschickt, um mich einzuladen?“
„Ja. Hat Mama desadt.“ Lotte nickte sehr ernst. „Mama hat desadt, da tommt ein toller Mann, den du tennen lernen musst. Tschüüüss!“
Ehe Alexandra noch irgendetwas sagen konnte, war die Kleine verschwunden. 
„Na prima. Einen Mann, den ich unbedingt kennen lernen muss.“ 
Was um aller Welt ist ihrer Cousine da eingefallen. Entnervt warf sie alle Geräte in einen Korb und ging ins Haus. Nach der grellen Sonne draußen erschien das Haus noch dunkler und enger. 
„Verdammt“, schimpfte Alexandra laut, als sie auf dem Weg zum Badezimmer an eine Kommode im Flur stieß. „Dein letztes Stündlein hat auch bald geschlagen. Der Sperrmüll ist schon bestellt!“
Es war nicht das erste Mal, dass sie sich an diesem hässlichen Schränkchen einen blauen Fleck holte. Wütend rieb sie sich den Oberschenkel und rauschte in ihr Badezimmer, dessen Ausstattung ihr die Tränen in die Augen trieb. Genervt betrachtete sie den Boiler, ohne den sie kein warmes Wasser zum Duschen bekommen würde, und raunzte ihn an: „Ich trau dir nicht!“ Sie hatte ihre ersten Duscherfahrungen in Oma Liesels Badewanne mit Verbrühungen an den Füßen bezahlt. Seither hatte sie es sich angewöhnt, erst unter die Dusche zu steigen, wenn sie ganz sicher war, dass die Temperatur konstant auf ihrer eingestellten Position blieb. Sie drehte den Hahn auf und ließ das Wasser laufen. Lauwarm rann der schmale Strahl aus der Brause. Gerade, als Alexandra ihre Füße in die Wanne stellte, machte der Boiler ein leises „Klick“ und das Wasser wurde schlagartig heiß. 
„Du verdammtes, bockiges Miststück!“ Hastig zog sie die Füße aus der Wanne. Stirnrunzelnd betrachtete Alexandra den Boiler, die Wanne und das verlebte Bad. „Das tue ich mir jetzt nicht an. Ich werde eine gepflegte Dusche bei Caro nehmen!“ Sie zeigte dem Boiler den Mittelfinger ihrer rechten Hand und packte ihre Reisetasche mit Duschzeug und frischer Wäsche zusammen.
„Auf ins einundzwanzigste Jahrhundert”, seufzte Alexandra auf dem Weg nach draußen und zog die Haustür hinter sich zu. Ihr Weg zu Caro ging über eine verstaubte kleine Nebenstraße, die nicht geteert war. Man konnte ihr ihre DDR-Vergangenheit noch ansehen, zwischen dem sandigen Untergrund tauchten hin und wieder graue Betonplatten auf, die an den Rändern abgefahren waren. Nur drei Häuser weiter wohnte ihre Cousine. Das Hundegebell war verstummt. Außer leisem Zwitschern einiger Vögel und den Rasensprengern, deren rhythmisches ‚Tschik, tschik, tschik’ durch die Vorgärten waberte, waren keine störenden Umgebungsgeräusche zu hören. Alexandra genoss den Moment der relativen Stille. In Berlin gab es so etwas nicht. 
Caro guckte Alexandra von oben bis unten prüfend an.
„Ich wusste, die Aussicht auf einen Mann würde dich postwendend hierher locken. Aber du hättest dich vorher waschen können!“
„Mich lockt eher die Aussicht auf eine gepflegte Dusche hierher als irgendein Mann”, lachte Alexandra. „Bitte lass mich meinen Astralkörper waschen, das Unkraut juckt unsäglich!“
Caro nickte: „Ja, du solltest dich enthaaren, das sage ich schon lange...”
Alexandra knuffte ihre Cousine leicht in die Rippen. „Du alte bösartige Schachtel. Los, mach Platz und lass mich endlich ins Bad.“
„Na dann, komm rein Küken. Kennst dich ja aus.“
„Lotte sagt, es gibt Kuchen? Was für einen?“
„Dass du das fragst. Solltest du nicht eher nach dem Mann fragen?“
„Das kommt später. Erst will ich wissen, was du für Kuchen gemacht hast.“ 
Alexandra hatte eine ausgeprägte Schwäche für Kaffee und Kuchen. Caro machte nach ihrer Meinung die besten Kuchen überhaupt. Am liebsten hatte sie es, wenn es mehrere Torten gab und die Stücke nicht so groß geschnitten waren, damit sie möglichst alle Kuchen probieren konnte. Dazu einen Kaffee, der nicht gefiltert war, sondern nur mit kochendem Wasser aufgegossen wurde und ein paar Minuten brauchte, um sich zu setzen. Und natürlich frisch geschlagene Sahne. Mit echtem Vanillezucker leicht gesüßt. Das war für Alexandra das Wartezimmer des Himmels. Im Sommer sollten es frische Obstkuchen sein, im Winter liebte sie die feisten Torten mit Marzipan und Nüssen. Caro beherrschte die aufwendige Produktion einer Marzipan-Pistazien-Torte, die eine Gesamtkalorienzahl von etwa sechzehntausend hatte. Aber sie behauptete steif und fest, eine Torte, der man vorher sagt, dass sie gefälligst nicht auf die Hüften gehen solle, die würde das auch niemals tun. Caroline musste sich mit Kalorienzählen ohnehin nicht befassen. Sie war eine zierliche Blondine und hatte noch nie eine größere Kleidergröße als sechsunddreißig gehabt.
Alexandra war etwas kräftiger, trug eine Kleidergröße mehr als Caro und dachte nur sehr selten über ihr Gewicht nach. Für ausgedehnte Kuchenschlachten legte sie eine extra Runde beim Joggen ein, ansonsten blieb auch sie von größeren Gewichtszunahmen verschont, was sicher mehr an ihrer genetischen Veranlagung lag, als an ihrer ausgewogenen Ernährung.
„Es gibt Mango-Sahne Torte, Erdbeerschnitten und einen Apfelkuchen.“
Alexandra leckte sich die Lippen. „Hmmmm. Lecker. Muss ja ein ganz besonderer Mann sein, der da kommt!“
„Ja.“
„Ja?“
„Der Pfarrer!“
„Der Pfarrer? Was willst du denn mit dem Pfarrer?“ 
„Taufgespräch. Charlotte ist noch nicht getauft, wenn du dich erinnerst und in drei Wochen gibt es hier viele Kinder, die getauft werden. Ich möchte, dass Charlotte dabei ist. Und du weißt, was das bedeutet, Frau Taufpatin!“
„Hm. Ja klar. Aber macht man das Taufgespräch nicht beim Pfarrer?“
„Normalerweise schon, aber erstens war er in der Nachbarschaft zu einem Besuch und zweitens liebt er meine Kuchen.“
„Kluger Mann.“
„Ist er. Geh dich waschen. Bis du fertig bist, sind der Kaffee und die Sahne auch fertig.“
Alexandra genoss das warme Wasser, das einfach aus der Brause rauschte. Taufgespräch. Darauf war sie nicht vorbereitet. Kirche. Eigentlich hatte sie mit dem Verein überhaupt nichts am Hut. Das letzte Mal, dass sie sich bewusst an einen Kirchgang mit Gottesdienst erinnerte, war ihre Konfirmation. Damals wollte sie auch nie wieder eine Kirche betreten. Gut, für alte Kirchen an sich konnte sie sich im Urlaub mittlerweile tatsächlich erwärmen. Sofern sie in schönen Landschaften standen und sie nicht verpflichtet war, an dem Geschehen in den Kirchen teilzunehmen.
Gottesdienste waren für sie der Gipfel der öden Langweiligkeit. Man saß unbequem, der Gesang war schrecklich und immer war ihre Blase voll. Egal wie knapp sie vor dem Kirchgang noch einmal die Toilette aufsuchte, sobald sie in der Kirchenbank saß, gab ihre Blase Signal. 
Alexandra stieg aus der Dusche, trocknete sich rasch ab und ging zur Toilette. Sie grinste. Scheinbar reicht jetzt schon der Gedanke an einen Gottesdienst, um ihre Blase zu füllen.
Sie sollte und wollte Patentante von Charlotte werden, das war schon vor der Geburt klar. Dass die Taufe nicht schon längst stattgefunden hatte, lag daran, dass Caro den Pfarrer nicht mochte, der bis Ende letzten Jahres die Pfarrstelle innehatte. „Bigottes Arschloch“ war noch eine der harmloseren Bezeichnungen, die Caro für ihn hatte. Ein neuer, junger Pfarrer trat nach kurzer Vakanz die Pfarrstelle an und war innerhalb weniger Wochen so beliebt in seinem Sprengel, dass die kirchlichen Veranstaltungen einen enormen Zulauf erhielten. 
Als Alexandra mit noch feuchten Haaren an der bereits gut besetzten Kaffeetafel auftauchte, stand ein dunkelhaariger, ausgesprochen hübscher Mann auf.
„Guten Tag, ich bin der Pfarrer, Harald Thessmann!“
Alexandra schaute in große braune Augen, die sie freundlich lächelnd anblickten und reichte ihm die Hand.
„Guten Tag, ich bin Alexandra Rabe, die Taufpatin.“ 
Seine warme Hand hatte einen festen Druck, wie sie angenehm berührt feststellte. Neben dem Pfarrer saß Natascha, die älteste Tochter von Caro und Arno. Sie war im letzten Kindergartenjahr und sollte nach den Sommerferien eingeschult werden. Sie war das Ebenbild ihrer Mutter. Zierlich, blond und langhaarig. Sie sah aus wie eine kleine Prinzessin, verhielt sich aber eher wie ein Bauernlümmel und spielte am liebsten mit Jungen. Älteren Jungen. Kein Baum war ihr zu hoch, kein Sprung über den Bach zu weit. Natascha fuhr Fahrrad wie eine Wilde und war für jeden Unsinn zu haben, solange er nur Mut erforderte. Caroline und Arno waren in den ersten drei Jahren ständige Besucher in der Kindernotaufnahme der Klinik gewesen, weil Natascha immer verletzt war. Natz, wie sie gerufen wurde, trug nur Hosen. Röcke und Kleider waren für sie unerträglich, aber sie liebte die ganz typischen Mädchenfarben rosa, lila und rot. Sie hasste den Gedanken, dass sie ab Sommer in die Schule gehen sollte. Sie konnte schon lesen und schreiben und versuchte immer, ihre Eltern zu überzeugen, dass sie schon genug gelernt hatte. Neben ihr saß ihre 4-jährige Schwester Josefine, Josie. Sie war nicht so zart, blond und prinzessinnenhaft wie Natz, sondern eher robust. Ihre straßenköterblonden Zottelhaare hatte sie immer zu einem Zopf gebunden und träumte von Locken, Locken wie Alexandra sie hatte. Trotz ihrer Unterschiede sahen sich die Schwestern sehr ähnlich und man konnte die familiären Bezüge zu Caro und Arno nicht übersehen. Josefine konnte stundenlang mit sich allein spielen, hatte eine blühende Phantasie und beneidete ihre Schwester, die bald in die Schule gehen durfte. Sie erzählte ihren Puppen lange Geschichten und selbst ihre wilde Schwester Natz hörte ihr gern dabei zu und kam zur Ruhe, wenn Josie zu erzählen begann. Die Lieblingsgeschichte der Schwestern war die vom ‚Muskelkater’, einem gefährlichen Kater, der in einer Buchsbaumhecke wohnte, immer schlechte Laune hatte und viele Abenteuer erlebte. Josie beherrschte die Kunst, sich trotz Anwesenheit ‚unsichtbar’ zu machen und nutzte das aus, besonders, wenn es um Tätigkeiten wie aufräumen ging. Charlotte, die jüngste der Töchter, war zweieinhalb Jahre und das von der ganzen Familie verwöhnte Nesthäkchen. Sie wickelte alle um den Finger, insbesondere ihren Vater, der sie hemmungslos verwöhnte.
Alexandra setzte sich neben Charlotte und leckte sich beim Anblick der Torten die Lippen. Sie nahm sich ein Stück Mangotorte, während sie dem Gespräch des Pfarrers mit Caro zuhörte, die gemeinsam den Ablauf des Gottesdienstes besprachen.
„Letzie“, flüsterte Charlotte mit kuchenverschmiertem Mund, „darf ich bei dir auf den Schoß?“ 
Alexandra nickte einladend, rutschte lächelnd ihren Stuhl zur Seite und Charlotte kletterte auf ihren Schoß. In der Hand hatte sie ihren Schmuselöwen, ein völlig abgeliebtes Stofftier, das weder von der Farbe noch von der Kontur als Stofftier-Löwe erkennbar war.
„Ihre Oma hat mir erzählt, dass Sie sehr gut singen können?“ Pfarrer Thessmann wandte sich Alexandra zu. Überrascht konnte Alexandra nur zustimmend nicken, ihr Mund war voll Kuchen.
„Ja. Sympathy for the devil“, murmelte Caro lakonisch.
Alexandra verschluckte sich und begann vehement zu husten. Tränen stiegen ihr in die Augen.
 „Letzie, bist du taudig?“ Charlotte kuschelte sich mit ihrem Tierchen an Alexandra. 
„Nein, Schatz. Alex ist nicht traurig. Sie hat nur zu viel Kuchen im Mund.“ Caro grinste ihre Cousine an, die von heftigem Husten geschüttelt, das Gleichgewicht auf dem Stuhl verlor und mit Charlotte, dem Schmuselöwen und einer Tasse Kaffee in der Hand umkippte. 
„Ach herrje, ich hole einen Lappen.“ Caro sprang eilig zur Küchentür und kam mit einem Handtuch und einem Spüllappen in der Hand zurück.
„Na ja, der Ansatz mit dem Teufel ist im Grundsatz nicht schlecht“, Thessmann lächelte und half Alexandra vom Boden auf, „es wäre bestimmt interessant, in einem philosophisch geprägten Gottesdienst über den Teufel und seine Anziehungskraft zu sprechen. Aber zu einer Taufe passt es einfach nicht.“
Alexandra schaute sich diesen Pfarrer noch einmal genauer an. Lachfältchen durchzogen sein Gesicht. Wenigstens schien er nicht verknöchert in seinem Glauben zu sein. Schmal war er, ein eher dunkler Typ und nicht besonders groß gewachsen, aber mit einem sehr netten Lächeln. Einzig seine Nase ragte ein bisschen aus der sonstigen Harmonie des Gesichtes heraus, was seiner Attraktivität aber insgesamt keinen Abbruch tat. 
„Ich nehme an, Sie sind in der Kirche?“, fragte Thessmann.
„Ja, ich bin evangelisch und auch noch Mitglied der Kirche. Aber ich bin keine Kirchgängerin. Oder besser gesagt: keine Gottesdienstbesucherin.“
„Das kann sich ja ändern!“ Thessmann setzte sich auf seinen Platz zurück. „Das Wichtigste für Sie als Taufpatin ist, dass Sie die Eltern unterstützen bei der Erziehung des Kindes im Hinblick auf seine religiöse Entwicklung.“
„Das habe ich verstanden. Aber muss ich dann regelmäßig in die Kirche gehen, damit ich meinem Patenamt Genüge tue?“ Alexandra guckte ihn kritisch an.
„Nun ja. Ich lasse sonntags immer eine Anwesenheitsliste rumgehen, damit ich den Überblick nicht verliere.“ Thessmann guckte sie ernst an. „Also mehr als zweimal hintereinander sollten Sie nicht fehlen!“
Alexandra schüttelte entsetzt ihre angetrockneten Locken. „Wenn ich Patin von Charlotte werden will, soll ich zukünftig mindestens jeden zweiten Sonntag in die Kirche gehen? Das schaffe ich nie im Leben!“
Thessmann lachte schallend. Sein hübsches Gesicht wurde noch eine Spur anziehender. 
„Mich hat er auch so reingelegt. Darauf trinken wir einen!“ Caro stellte drei Schnapsgläser auf den Tisch und goss einen Vogelbeerschnaps in die kleinen Gläschen. 
„Selbst gepflückt und gebrannt bei einem Brenner unseres Vertrauens“, sie hob das Glas und prostete dem Pfarrer und ihrer Cousine zu. 
„Auf eine schöne Taufe.“
„Prost“, Thessmann grinste frech, „auf meine neuen Schäfchen.“
„Prost.“ Alexandra hatte sich wieder erholt und schmetterte fröhlich eine Zeile aus ‚Sympathy for the devil’.
Als der Pfarrer sie nach dem Schnaps verließ und sie mit Caro allein war, verschwand Alexandras Fröhlichkeit. Noch immer stand die Hitze in der Luft und machte das Atmen schwer. Die Mädchen spielten mit ihren Puppen im Sandkasten. 
„Idylle“, dachte Alexandra schläfrig und sah den Kindern beim Spielen zu. So sieht ein idyllischer Familiennachmittag aus. Jäh wurde diese Idylle durch einen wütenden Schreianfall von Charlotte unterbrochen, die von ihren Schwestern geärgert wurde. 
„Diese Zicken. Es gibt Tage, da wünschte ich, ich hätte die drei Euro für die Verhüterlis ausgegeben.“ Caro kam auf die Terrasse und blickte entnervt auf ihre streitenden Töchter. Alexandra musste lachen. 
„Vielleicht solltest du noch einen Jungen nachlegen. Der wird dann der Hahn im Korb und die Mädels entspannen sich. Kennt man doch aus dem Büro!“
„Na, wenn es nach Arno geht, dann lieber heute als morgen. Aber ganz ehrlich. Noch einmal so ein Geburtsmarathon wie bei Charlotte?“ Caro schüttelte den Kopf. „Ich glaube, ich bin nicht wirklich interessiert.“
Schweigend und in stillem Einvernehmen saßen die Cousinen auf der Terrasse, streckten ihre Gesichter in die Sonne und hingen ihren Gedanken nach. Langsam fühlte Alexandra ihre Atemzüge ruhiger werden und gerade, als sie schon Realität und Traum nicht mehr unterscheiden konnte, machten sich an ihren Armen unangenehme Gefühle der Kälte breit. Unwillig rieb sie die Stellen, an denen die merkwürdigen Empfindungen auftraten, aber es hörte nicht auf. Unsanft wurde sie sich der Realität bewusst. Vor ihr stand Caro und bespritzte sie mit kaltem Wasser. 
„Iiiiehhh, was ist das?“
„Eine kleine Erfrischung. Du schnarchst!“ Caro lachte sie frech an. „Ich hab dich jetzt schon zum dritten Mal gefragt, was du mit Oma Liesels Vermächtnis anfängst.“
Alexandra gähnte. „Bin ich wahrhaftig eingeschlafen? Das muss die Gartenarbeit sein. Dieses Grundstück schafft mich.“ 
Sie reckte sich. „Gib mir mal bitte das Wasser. Die Hitze macht mich zur Dörrpflaume.“
„Na komm. So schlimm ist es? Hm. Dann sollten wir einen Callboy für dich organisieren. Wäre doch schade um dein doch noch recht junges Pfläumchen... Ich kenne da einen jungfräulichen Mann, der sicher interessiert wäre, eine alte Frau zu beglücken. Quasi Erfahrung gegen Erfüllung.“ 
Caros Worte gingen in Gekicher über. Alexandra warf, ungeachtet der Tatsache, dass der Gartentisch voller Gläser, Flaschen und anderer Utensilien stand, ein Kissen über diesen Tisch nach ihrer Cousine, die sie knapp verfehlte, aber eine am Rande der Terrasse stehende kleine Palme traf und umwarf. 
„Frau Rabe, Sie sind einfach umwerfend.“ 
Caro hob noch immer leise kichernd die Pflanze wieder auf und setzte sich. „Also Süße. Was ist nun? Weißt du schon, was du mit dem Grund und Boden von Oma machst?“
Alexandra schüttelte den Kopf. „Nicht wirklich. Ich habe absolut keine Ahnung, was ich mit dem Haus machen soll. Wenn ich mir die Räume anschaue, dann kann ich mir nicht vorstellen, dass man da irgendwas Sinnvolles herausrenovieren kann. Und dann der ganze Kram, der da herumsteht. Gestern habe ich drei Säcke alte Kleider in einem Schrank gefunden. Das müssen Vorkriegsfummel sein. Im Keller und auf dem Dachboden bin ich noch gar nicht gewesen, das hab ich mich nicht getraut.“
Caro blinzelte in die Sonne. „Ich kann mich dran erinnern, dass Mama mal was von einer ‚extremen Sammlerin’ im Zusammenhang mit Liesel erwähnt hat.“ Sie schüttelte den Kopf. „Du wirst nicht allein damit fertig. Nächste Woche sind die Mädels wieder regelmäßig in der Kita, dann kann ich dir helfen. Vielleicht ...“, sie zögerte, „vielleicht finden wir auch noch was von Mama.“
Alexandra blickte sie an. „Meinst du, Liesel hat damals was übersehen?“
„Ich hoffe immer noch irgendetwas zu finden. Bei so vielen Säcken wäre es ja möglich.“ 
Caro stand auf. „Ich hol mal Papier und Stift und dann machen wir eine To-do-Liste.“
Caro verschwand im Haus und Alexandra blickte nachdenklich in den Garten, in dem die Mädchen selbstvergessen spielten. Seufzend wandte sie sich Caro zu, die mit einem großen Papierblock und einem Stift auf der Terrasse erschien und voller Aktivität die Schreibarbeit übernahm.
„Entrümpeln!“
„Das hatten wir schon!“
„Ja, aber nur im Schlafzimmer. Jetzt kommt die Nähstube oben - oder was auch immer das für ein Zimmer ist.“
„Also gut, als erstes entrümpeln wir das Schlafzimmer, dann das Nähzimmer. Was ist noch in dem Obergeschoss?“
Alexandra überlegte. „Es sieht aus wie eine Abstellkammer, aber das muss mal ein Kinderzimmer oder ein Gästezimmer gewesen sein. Es ist voll Gerümpel gestellt, bis an die Tür. Weißt du das denn nicht? Wann warst du denn das letzte Mal bei Oma?“
„Interessante Frage. Ich kann mich nicht erinnern.“ 
Caro runzelte die Stirn. „Hm, wenn ich es genau nehme, hatte sie immer einen Grund, warum ich nicht reinkommen konnte. Und jedes Mal, wenn ich sie abholen wollte zum Einkaufen oder so, ist sie hierhergekommen.“
Alexandra schaute ihre Cousine an. „Wahrscheinlich wollte sie nicht, dass du zu ihr kommst, damit du nicht siehst, wie es bei ihr aussieht.“
„Möglich. Vielleicht sollten wir einfach ein Entrümpelungsunternehmen bestellen.“ Caro schaute Alexandra fragend an. „Was meinst du?“
Alexandra schob langsam ihre Sonnenbrille nach hinten in die Haare. „Weißt du, auch wenn mir die Menge der Säcke und die noch nicht begutachteten Räume Angst machen. Es hat schon was, ein Haus zu entrümpeln. Ich räume so vor mich hin, dabei denke ich über Gott und die Welt bzw. Oliver und mich nach. Es ist ... irgendwie entlastend. Verstehst du, was ich meine?“
Caro nickte. „Hm. Ich weiß, was du meinst. Keine Verantwortung gegenüber Patienten, keinen Termindruck, keine Rechnungen ... Entrümpelung der Seele. Aber du kannst dich nicht ewig dahinter verstecken. Du musst irgendwann eine Entscheidung treffen, was deine berufliche Zukunft angeht und loslegen.“
„Ich weiß. Ich habe mir noch den April gegeben, dann fange ich an. Für den Mai habe ich schon einen Termin mit dem Makler gemacht.“
„Willst du das Haus verkaufen?“
„Nein, ich suche erst mal Praxisräume. Zur Miete. Was ich mit dem Haus mache, weiß ich noch nicht. Auf jeden Fall wird der Garten kleiner!“
„Na, das Grundstück kannst du noch in mindestens zwei Bauplätze teilen. Aber du solltest mit dem Verkauf noch etwas warten. In spätestens zwei Jahren soll die Zugverbindung nach Berlin verbessert werden. Dann kriegst du auf jeden Fall mehr Geld.“
„Erst mal räume ich das Haus auf. Gib mal die Liste rüber.“



Ostern. 
Aus terminlichen Gründen war die Taufe auf den Ostersonntag festgelegt worden. Der Pfarrer musste in mehreren Gemeinden Dienst tun und in diesem Jahr waren so viele Taufen, Hochzeiten und Konfirmationen geplant, wie schon lange nicht mehr. Die Kirchenglocke läutete kräftig durch die sonntägliche Stille. Der Taufgottesdienst war gut besucht. Menschen in festlicher Kleidung standen vor der Kirche in der glühenden Sonne, die schon um elf Uhr morgens erbarmungslos vom Himmel brannte. Der einzige schattige Platz direkt neben dem Gotteshaus, unter einem großen Nadelbaum, war von Kinderwagen zugestellt. 
Alexandra stand mit Arno, Caro und den Kindern in der Menschenmenge an der Kirchentür und wartete auf die Öffnung der großen Eingangstür. Der Geruch von kaltem, altem Stein zog an ihnen vorbei, als der Küster die Kirchentür öffnete und die Besucher herein bat. Alexandra fing sofort an zu frieren. Draußen war es brütend heiß und in der Kirche stand die kalte Luft. Still und muffig. Als sie sich umsah, bemerkte sie, dass sie die Einzige war, die keine Jacke dabei hatte. Alle anderen schienen die kirchentypische Kälte zu kennen und hatten sich darauf eingerichtet. Alexandra ärgerte sich. Auf einen Gottesdienst hatte sie ohnehin wenig Lust und bei dieser langweiligen Veranstaltung auch noch zu frieren, ließ ihre Laune in den Keller sinken. Außerdem meldete sich ihre Blase. Diese widrigen Umstände riefen merkwürdige Gedanken in ihr hervor. Sie hätte Caros Anfrage nach der Patenschaft für Charlotte doch ausschlagen sollen. Oder davon überzeugen sollen, dass sie gern eine Patenschaft übernimmt, aber ohne diesen kirchlichen Mumpitz.
„Hier. Ich hab für dich auch ein Jäckchen mitgenommen.“
Alexandra blickte ihre Cousine überrascht und dankbar an. Sie versöhnte sich augenblicklich mit ihrer derzeitigen Lage. 
„Du bist ein Schatz. Ohne dich hätte deine Tochter in einer halben Stunde ihre Taufpatin nur unter Protest aus der prallen Sonne in die Kirche holen können.“ Sie rieb sich ihre ausgekühlten Arme und zog sich rasch die Strickjacke an, die Caro ihr reichte. 
Die Orgel setzte ein und der Gottesdienst begann. Mit kritischem Blick betrachtete Alexandra den Ablauf. Auch wenn sie keine Kirchgängerin war, musste sie zugeben, dass Thessmann Redetalent besaß und gut singen konnte. Seine Predigt war an manchen Punkten witzig und er hielt sich kurz. Ein unschlagbares Argument für eine gelungene Predigt, wie Alexandra fand. Auf Caros Wunsch hin war ein Gospelchor gekommen und hatte den Gottesdienst musikalisch begleitet. Es war ein untypischer Gottesdienst, es wurde gelacht, geklatscht und geschwatzt. Alexandra war angenehm überrascht. 
Charlotte war nicht der einzige Täufling, aber die Größte. Sie stand neben Alexandra. Leise glucksend ließ sie sich das Taufwasser von Thessmann über die Haare gießen, ihre Hand fest in Alexandras Hand geschoben, der urplötzlich die Tränen in die Augen schossen. Hastig blinzelte sie sie weg, drückte die kleine verschwitzte Hand von Charlotte und lächelte sie glücklich an. Als die Zeremonie vorbei war und die Menschen unter Orgelmusik und Glockengeläut nach draußen in die pralle Sonne strömten, fand Alexandra Thessmann plötzlich an ihrer Seite. 
„Und? Hat Ihnen der Gottesdienst gefallen?“
„Ja. Gar nicht so langweilig, wie ich befürchtet hatte.“ Alexandra lächelte ihn an. 
„Ich habe mir Mühe gegeben. Und die Lübbener Gospels auch.“ Ein kleinerer, dicker Mann mit Glatze und asiatischen Gesichtszügen stürzte auf sie zu, fasste Thessmann am Arm und zog ihn mit sich mit. 
„Komm, du musst kommen. Der Chor geht essen. Alle zusammen. Du musst mitkommen.“ Die Sprache klang etwas verwaschen und seinen Gesichtszügen konnte man die Behinderung ansehen. Fröhlich zog er Thessmann mit sich zu der Gruppe des Chors, die unweit von ihnen zusammen standen und auf den Pfarrer warteten.
Thessmann winkte ihr zu. „Tschüss, Sie sehen ja, ich muss los. Wir sehen uns nachher noch. Ihre Cousine hat mich zum Kaffee eingeladen.“
Alexandra winkte zurück und lachte. „Caros Kuchen sind eben zu verlockend!“
Aber Thessmann war bereits von einem zweiten Mitglied des Gospelchors in  Beschlag genommen und zuckte nur noch hilflos mit den Schultern in ihre Richtung, bevor er im hinteren Teil des Kirchenschiffs verschwand.
Arnos Eltern und seine Brüder mit ihren Familien waren zur Taufe eingeladen. Caro hatte ein Lokal im Ort gebucht und dort das Mittagessen bestellt, während die Kuchentafel zu Hause aufgebaut wurde. 
Es war heiß, voll und laut in dem Lokal und Alexandra wünschte nichts sehnlicher, als im Schatten ihres Gartens zu sitzen, und Ruhe zu haben. Der Geruch von gebratenem Fleisch und frittiertem Fett lag in der Luft und machte das Atmen schwer. Nach dem Essen erhob sich die Gesellschaft zu einem Verdauungsspaziergang am See. Als sie nach einer Stunde in Caros Garten ankamen, hatten Doro und Fritz, ein befreundetes Ehepaar, bereits die Kaffeetafel vorbereitet. Alexandra kannte Doro von früheren Besuchen bei Caro schon recht gut.
Dorothea war eine kleine dicke Frau mittleren Alters, mit kurzen schwarzen Haaren und großen runden Ohrringen. Sie summte fröhlich vor sich hin, während sie die schwatzenden Gäste mit Kaffee und Tee versorgte. Sie hat eine dunkle Stimme, die an Whisky und Rauch erinnerte und feuchte Männerträume auslösen konnte. Sie und ihr Mann Fritz hatten ihre vier Kinder, alles ‚Verhütungs-Unfälle’, wie sie immer wieder fröhlich betonten, mitgebracht und mit den anderen Kindern am ‚Katzentisch’ platziert. Eigentlich war Doro Hausfrau, nur gelegentlich arbeitete sie in einem Callcenter und bekam dort regelmäßig ‚dreckige’ Anfragen von männlichen Kunden. 
Als sie erzählte, dass sich sogar ein Headhunter bei ihr gemeldet hat, der für ein großes Internet-Portal Stimmen für den Bereich Telefonsex suchte, war Alexandra gerade zu Besuch bei Caro. Sie saßen am Küchentisch und tranken Sekt, amüsierten sich königlich über Doros Geschichten aus dem Callcenter und wollten nicht glauben, dass Doro tatsächlich über das Angebot nachgedacht hatte. Sie hatte nur abgesagt, weil sie nicht im Schichtbetrieb arbeiten wollte und konnte. Organisatorisch wäre das für die Familie ein Fiasko geworden und so entschied sich Doro gegen dieses Angebot. Fritz war traurig darüber, behauptete er jedenfalls. Er hatte sich schon gefreut, einen regulären Grund zu haben, regelmäßig bei einer Sexhotline anrufen zu dürfen.
Fritz hieß eigentlich Friedrich und war das optische Gegenteil seiner Frau. Groß, mager und schlaksig, fast ausgezehrt wirkte er. Tiefe Falten in den Mundwinkeln und monströse Augenbrauen, die an einen ehemaligen Politiker erinnerten, machten sein Gesicht älter als er war. Seine Arbeit als Sachbearbeiter der Müllentsorgung bei den Berliner Stadtwerken war ein sicherer Job, den er gerne machte. Seinen doch erheblichen Faltenwurf im Gesicht, mit dem er gelegentlich auch kokettierte, begründete er mit den schlechten wirtschaftlichen Bedingungen, die ein Vater von vier Kindern im mittleren öffentlichen Dienst hätte. 
Doro und Fritz waren die ‚Alt-Achtundsechziger’ von Rangsdorf, obwohl sie beide deutlich jünger waren. Sie waren Mitglieder einer Cover Band, die vorzugsweise Musik der Rolling Stones spielten und hin und wieder einen Joint rauchten. Auf den Sommerpartys, die seit Jahren regelmäßig in immer gleichen Abständen im Freundeskreis stattfanden, spielten sie meist gegen Ende der Veranstaltung und bei erhöhtem Alkoholspiegel der Gäste auf. Oft kamen die Rockklassiker zu Gehör, Doros Version von Joplins ‚Mercedes Benz’ hatte Kultstatus. Wenn der Alkoholspiegel höher als gewöhnlich lag, wurden deutsche Schlager mit spontan veränderten Texten gesungen, unter der begeisterten Zustimmung der Gäste. Mittlerweile beendeten sie solche Feten in der Regel mit einer Auswahl deutscher Schlager.
„Willst du Kaffee oder Tee?“, Doro beugte sich zu Alexandra, „oder doch lieber einen Schnaps?“
„Danke, Kaffee bitte. Den Schnaps erst, wenn ich die Kuchen im Bauch habe und mich rollen kann!“ 
Alexandra hob ihre Kaffeetasse Doro zum Eingießen entgegen. 
„Soll ich euch helfen?“ 
„Nein, danke. Fritz und ich haben alles im Griff. Sag mal, du bist doch Logopädin, nicht wahr?“ 
Alexandra nickte. Dorothea setzte sich neben sie. „Ich wollte dich etwas fragen. Etwas Berufliches. Mein Sohn Michael hat, glaube ich, einen kleinen Sprachfehler.“
„Warst du schon beim Kinderarzt mit ihm?“
„Ja, aber du weißt ja, wie Ärzte sind. ‚Wird sich schon verlaufen, warten Sie erst mal ab.’ Aber mir wäre es lieb, wenn du mal drauf gucken könntest. Das heißt, wenn es dir nichts ausmacht.“ 
„Nö, macht es nicht. Aber ich kann dir eben nur sagen, was das Problem ist, verordnen muss der Kinderarzt dann trotzdem.“
„Vielen Dank, das hilft mir schon weiter. Ich revanchiere mich dann gelegentlich.“ Doro nickte ihr zu.
Alexandra überlegte einen Moment. „Ich hätte da ein Problem, bei dem du mir vielleicht wirklich helfen könntest.“ 
„Ja?“
„Ich suche jemanden, der mir im Garten hilft. Jemand, der ein Händchen für die Gestaltung hat und nicht nur die groben Arbeiten macht. Aber die auch. Kennst du jemanden?“ Alexandra grinste. „Caro ist ja auch nicht soooo talentiert.“
„Hm.“ Dorothea runzelte nachdenklich die Stirn. „Ich wüsste da schon jemanden. Allerdings ist die Dame schwanger und wird sicher nicht so viel rackern wollen. Ich kenne das Grundstück von Liesels Haus. Da muss man schon ziemlich zufassen, um Grund rein zubringen.“
„Du sagst es. Und“, Alexandra zeigte ihre beiden Daumen, „die sind einfach nicht grün. Ich bin mit diesem Garten hoffnungslos überfordert. Wäre ja schön, wenn es grünt und blüht, aber ich habe überhaupt keine Ahnung, was man wo und wann pflanzt, wie es nachher wirkt und ob es schön aussieht. Ich weiß noch nicht mal, ob das, was ich da letztens rausgezupft habe, wirklich Unkraut war oder nicht doch die eine oder andere kostbare Pflanze.“
„Stella.“ Doro nickte. „Da kann dir nur Stella weiterhelfen. Sie ist eine begnadete Gartengestalterin. Aber, wie gesagt, schwanger. Hochschwanger, soweit ich weiß. Und sie macht Gartengestaltung nur als Hobby.“ Doro erhob sich. 
„Weißt du was? Ich habe sie jetzt schon länger nicht gesehen, aber in zwei Wochen feiert doch Caro wie immer die erste Gartenparty des Jahres. Stella kommt bestimmt, jedenfalls, wenn das Kind noch nicht da ist. Dann kann ich sie dir vorstellen und du kannst sie fragen.“ 
Am anderen Ende der Kaffeetafel machte ihr Fritz Zeichen, dass sie sich weiter um die vollen Kaffeetassen der Taufgesellschaft kümmern sollte. 
„Michael ist mit den anderen Kindern im Garten. Es ist der Kleine mit den dunklen Locken und der großen Klappe!“ Doro nahm die Thermoskanne und verschwand in der Küche.
Als Alexandra auf der Suche nach Michael in den Garten trat, fühlte sie sich, als ob sie einen Schlag mit dem Hammer gegen den Kopf bekommen hätte. Diese Hitze. Im Wohnzimmer war es dank geschlossener Fensterläden kühl und dämmrig und nachdem sich die Kinder in den Garten verdrückt hatten, war der Lärmpegel der normalen Gesprächstemperatur erwachsener Menschen gewichen. Hier draußen im Garten verlief sich das Geschrei der Kinder. Arno hatte einen Pool mit Sonnensegel aufgebaut und alle Kinder hatten sich so schnell wie möglich ihrer Klamotten entledigt und tobten nackt oder halbnackt im Wasser herum. Um den Pool herum stand zentimeterdick das Wasser auf dem Boden. Alexandra zählte. Drei Kinder von Arno und Caro, Charlotte, Josefine und Natascha. Dann waren da noch drei Kinder, die wohl zu Arnos Brüdern gehörten und die Vier, die Fritz und Doro mitgebracht hatten. Optisch waren die vier Geschwister eindeutig zuzuordnen, drei Jungen und ein Mädchen, alle mit dem runden Gesicht Dorotheas und der schmalen Statur von Fritz ausgestattet. Die Altersgruppe war durchmischt. Alexandra beobachtete die spielenden Kinder, und versuchte Gesprächsfetzen zu erhaschen und die Sprachqualität zu bewerten.
„Na, welches wollen Sie sich mitnehmen?“ 
Neben ihr war Pfarrer Thessmann aufgetaucht. Seinen schwarzen Talar hatte er gegen eine sportliche helle Hose und ein knappes T-Shirt getauscht. Seine gepflegten Füße steckten in Trekkingsandalen.
„Keins.“ Alexandra lächelte ihn spitzbübisch an. „Diese Sorte Monster muss man selber produzieren, damit man weiß, dass man für jeden Spaß im Leben die Rechnung bekommt!“
„Was für eine weise Erkenntnis.“ Thessmann lachte. „Darauf trinken wir! Dorothea Kern hat mich beauftragt, Ihnen einen Schnaps zu bringen! Sie hat gesagt, Sie hätten ihn bestimmt nötig, weil Sie sich schon seit zehn Minuten diesem Lärm aussetzen.“ Er blickte zu den Kindern, die sich mit Wasser bespritzen und dabei lauthals und ausgelassen kreischten.
„Danke.“ Alexandra nahm das kleine Gläschen mit der durchsichtigen Flüssigkeit entgegen. „Aber wenn ich den hier draußen in der Hitze trinke, fange ich gleich das Johlen an!“
„Na wie schön. Dann johlen wir gemeinsam. Ich wollte Sie sowieso fragen, ob Sie nicht unseren Gospelchor verstärken wollen.“
„Mit Johlen? Ich weiß nicht, ob das in einen Gospelchor passt!“ Alexandra sah ihn von der Seite an. 
Thessmann lachte wieder. „Nein. Natürlich mit Singen. Sie haben eine schöne Alt-Stimme, hat Caro gesagt.“
„Ist der Gospelchor der Chor, den Caros Mutter gegründet hat?“ Alexandra drehte das leere Gläschen in den Händen.
Thessmann nickte. „Soweit ich weiß schon. Können Sie mir was über die Entstehungsgeschichte erzählen? Bisher fängt jeder das Stottern an, wenn ich danach frage.“
„Kein Wunder“, Alexandra rieb sich die Arme. „Es fällt allen schwer, darüber zu reden. Mir auch.“ Sie sah ihn einen Moment schweigend an. Er erwiderte ihren Blick unbefangen und freundlich.
„Wo fange ich an?“
„Am besten, am Anfang!“
„Caro hatte eine Schwester, Luise. Sie war schwerstbehindert und starb schon sehr früh. Die Grunderkrankung wurde nie dokumentiert. Ich glaube, sie war nicht älter als ein halbes Jahr, als sie verstarb.“ Alexandra sah Thessmann an, der sie noch immer unverwandt freundlich mit auffordernder Miene ansah. „Caros Eltern haben den Tod des geliebten Kindes lange nicht verwinden können und haben sich zeit ihres Lebens für behinderte Kinder engagiert. Der Gospelchor wurde von meiner Tante Ilse, also Caros Mutter, in der Lübbener Werkstatt für Behinderte gegründet.“ Alexandra schluckte. „Lassen Sie uns eine Flasche Wasser holen und in den Schatten gehen.“ 
„Suchen Sie uns ein schönes Plätzchen, ich gehe und hole das Wasser.“ Thessmann stand auf.
Kurz darauf kam er mit zwei Gläsern und einer Flasche Mineralwasser zu Alexandra zurück, die unter einen Baum am Rande des Gartens saß. Er ließ sich neben ihr ins Gras fallen.
„Wie ging es weiter?“ Seine Stimme war gepflegt und hatte den geübten Tonfall eines Seelsorgers. 
„Ilse hatte Kontakte zu anderen Gospelchors gepflegt und unter anderem einen in den USA aufgetan. Sie wollte eine Reise ihres Chors zu den Amerikanern organisieren und für die Vorbereitung wollte sie nach Syracuse, New York fliegen.“ Alexandra lächelte in Gedanken an Ilse. 
„Meine Tante und Onkel Eberhard waren USA-Fans. Die beiden haben hier in Rangsdorf glücklich gelebt. 1989 sind sie zwar über Ungarn geflohen, aber nur, weil alle gingen. Es war ihr Traum, einmal im Leben nach New York zu fliegen. Das war der einzige Grund, warum sie die DDR verlassen wollten. Einmal in die USA.“ Alexandra trank ihr Wasserglas in hastigen Schlucken leer.
„Und dann? Haben sie es gemacht?“
„Sie haben es versucht.“ 
Thessmann sah Alexandra fragend an „Versucht?“
„Sie saßen in der Concorde, die 2000 in Paris abgestürzt ist.“ Alexandra lehnte sich an den Baum im Rücken. Sie schluckte. „Natascha, also Natz, Caros älteste Tochter, war gerade vier Monate alt. Caro musste sie abstillen, weil sie starke Beruhigungstabletten nehmen musste. Sie war kurz vor dem Wahnsinn. Ohne Oma Liesel hätte sie sich wahrscheinlich was angetan. Trotz Natascha.“
„Schlimm.“
„Sehr schlimm. Arno ist nach Paris gefahren, um die Toten zurückzuholen.“ 
Alexandra schluckte erneut und griff hastig nach dem Wasser. Ihr Hals war so trocken. Sie konnte die Geschichte noch immer nicht erzählen, ohne dass die Gefahr bestand, ihre Stimme vorübergehend zu verlieren. Wie immer, wenn ihr etwas emotional zu schaffen machte. Sie räusperte sich. Tonlos erzählte sie weiter.
„Ilse und Eberhard gehörten zu den Opfern, die völlig verbrannt waren. Arno kam ohne sie zurück. Es dauerte Wochen, bis die Identifizierung abgeschlossen war. Und um das Ganze noch zu verschlimmern, war hier in der Zwischenzeit in das Haus der Mahnkes eingebrochen worden. Der ganze Schmuck von Ilse war weg und die Einbrecher haben Feuer gelegt, um die Spuren zu verwischen. So sind alle dinglichen Erinnerungen, die Caro noch an ihre Eltern gehabt hätte, vernichtet worden.“
Sie verstummte. Thessmann saß neben ihr und schwieg. Erst als sie erneut nach der Flasche griff, um sich ihr Glas nachzuschenken, sagte er leise: „Das ist tragisch. Sehr tragisch. Es tut mir leid.“
Alexandra nickte nur. Schweigend saßen sie nebeneinander und sahen den Kindern beim Spielen zu. Nach ein paar Minuten der Stille sah Thessmann Alexandra forschend an. „War Ilse die Schwester ihres Vaters oder ihrer Mutter?“
„Meiner Mutter. Ilse war die ältere Schwester. Ich habe meine Tante und auch Caro erst richtig kennengelernt, als sie nach ihrer Flucht neunundachtzig bei uns wohnten. Meine Mutter hat meinen Vater Anfang der siebziger Jahre bei einem Urlaub in Ungarn kennengelernt. Sie aus dem Osten, er aus dem Westen. Es war eine große Liebe, so groß, dass meine Mutter einen Ausreiseantrag gestellt hat. Nach einem Jahr durfte sie rüber, nachdem meine Eltern hier in Rangsdorf geheiratet hatten. Für Liesel und Ilse war es ganz schrecklich, dass meine Mutter nicht mehr da war.“
Thessmann nickte. „Das glaube ich gern. Aus meiner Familie sind damals auch ein paar nach ‚drüben‘ gemacht. Eine Cousine zweiten Grades und ihr Mann. Üble Zeiten waren das und heute kaum noch vorstellbar.“
„Sie sagen es. Wo kommen Sie her?“
„Ursprünglich aus Rostock, aber studiert habe ich in Heidelberg.“
Alexandra lächelte. „Na, da haben Sie aber sicher einen Kulturschock erlitten, oder? Vom kühlen Norden in den geschwätzigen Süden. Wie sind Sie mit den Heidelbergern zurechtgekommen?“
„Problemlos, bei meinem nordischen Aussehen. Ich habe mich als Schwede ausgegeben“, Thessmann rieb sich die dunklen Haare aus der Stirn und grinste ironisch.
„Sie sind ein Schwindler! War da nicht diesbezüglich was mit dem achten Gebot?“
Thessmann staunte. „Ich bin tief beeindruckt. Eine Nicht-Kirchgängerin, die sich nicht nur an eines der zehn Gebote erinnert, sondern es auch noch numerisch zuordnen kann!“
Alexandra grinste. „Ich habe gestern ein Buch gelesen, indem es um einen Serienmörder geht, der nach den zehn Geboten mordet. Gestern war das achte dran.“ 
Sie stand auf. „Kommen Sie, schauen wir mal, wie weit die Kaffeetafel schon geräumt ist.“
Thessmann fasste sie leicht am Arm. „Was ist mit dem Chor? Kann ich mit Ihnen rechnen?“
„Vielleicht. Ich werde es mir überlegen!“
Als sie in das Wohnzimmer kamen, hatte sich die Kaffeetafel mehr oder weniger aufgelöst. Caro stand mit ihren Schwägerinnen im Flur und erörterte die verschiedenen Schulmodelle in Berlin. Arno kam gerade mit einem Sechserpack Bier aus der Küche.
„Herr Pfarrer, kommen Sie rüber, trinken Sie ein Bier mit uns?!“ 
Arno schob den Pfarrer zum Tisch, an dem schon sein Vater und seine beiden Brüder saßen. 
„Wenn die geistvollen Getränke anrollen, sinkt ja erfahrungsgemäß der geistige Inhalt der Gespräche. Vielleicht kann uns ein Geistlicher dabei etwas Unterstützung geben?“ Arno stellte das Bier auf den Tisch.
„Nach deinen geschwollenen Reden zu urteilen, ist das nicht dein erstes Bier, oder?“ Alexandra zog amüsiert die Augenbrauen hoch.
„Das erste Bier schon. Aber ich hatte schon einen Schnaps.“ Arno grinste. „Auf die Weltmeisterschaft. Bald geht‘s los! Kennen Sie sich mit Fußball aus, Herr Pfarrer?“
„Ich bin in einer Fußballmannschaft groß geworden.“ Thessmann nahm sich ein Bier und öffnete den Kronkorken lässig mit einem Löffel, der auf dem Tisch lag.
„Respekt.“ In Arnos Miene blitzte Bewunderung auf. „Das hätte ich einem Pfarrer nicht zugetraut.“
„Wussten Sie, dass es über tausend Möglichkeiten gibt, eine Bierflasche zu öffnen? Dreihundert davon kann ich. Prost!“ Der Pfarrer hob ironisch lächelnd die Flasche. „Ich gebe zu, manchmal bin ich ein kleiner Angeber. Aber niemand ist unfehlbar.“ Thessmann prostete den Männern am Tisch fröhlich zu. „Auf eine spannende WM.“ Er drehte sich zu Alexandra um. „Und Sie, Frau Rabe? Interessieren Sie sich auch für Fußball?“
Alexandra schüttelte den Kopf. „Nein. Nicht wirklich. Ich kann mich an das Spielprinzip von Fußball erinnern, aber ansonsten bin ich eine Niete, was die Spielregeln angeht. Außerdem finde ich das Verhalten der meisten Spieler eklig. Es macht mir keinen Spaß, auf den Boden spuckenden und schreienden Typen auf dem Platz zuzusehen.“
„Und nebenbei sind Fußballer immer so brüllend intelligent, wenn sie sprechen müssen.“ Caro lästerte aus dem Flur zu ihnen herüber. 
„Männer unter sich unterhalten sich, glaube ich, nur mit Grunzlauten. Erweiterte Kommunikation ist dann mit Mimik und Gestik.“
Alexandra nickte lächelnd. „Und das Erstaunliche daran ist, sie verstehen sich tatsächlich! Oder tun jedenfalls so.“
„Hm. Mmmmmmmpf. Arghhhh. Ummmmmmpf. Mehr brauchte man nicht auf der Jagd. Hieß übersetzt: Schade. Ich habe den Hirsch verfehlt und mich dabei auch noch am Ast gestoßen.“ Caro und Alexandra kicherten.
Arno zog dramatisch seine Stirn in Falten. „Frauen. Keine Ahnung von den wirklich wichtigen Dingen im Leben.“ Er grinste seine Frau spitzbübisch an.
„Schatz, habe ich dir schon gesagt, dass wir spätestens im Mai einen großen Fernseher kaufen werden? Einen sehr großen! Und zwar nicht um Rosamunde Pilcher zu sehen!“
„So, so.“ Caro zuckte mit den Schultern. „Mein Mann verdient zu viel Geld scheint mir. Aber auf einem sehr großen Fernseher kommen George Clooney oder Brad Pitt auch ganz gut rüber. Ich lade mir dann die Frauenfraktion ein und wir machen einen titanischen Abend.“
„Was ist denn ein titanischer Abend?“ fragte Thessmann belustigt.
Caro lächelte vergnügt. „Die Mädels gucken sich einen Schmachtfilm an und die Männer ersäufen sich derweil.“
In den späten Abendstunden ging Alexandra, beschwingt von zwei Gläsern Wein zur Grillwurst, nach Hause. Sie musste immer noch lachen, wenn sie an Thessmann dachte. Er hatte ihr nach seinem dritten Bier und mehreren Schnäpsen leutselig das ‚Du’ angeboten. Harald hieß er. Und war den ganzen Abend nicht mehr von ihrer Seite gewichen. Caro hatte das grinsend bemerkt und zog ihre Cousine damit auf. „Ich glaube, er sucht eine Frau! Wie wär‘s? Frau Pfarrer? Dann kannst du natürlich nicht mehr in so kurzen Röcken auf Partys gehen und Alkohol trinken ...“ Alexandra boxte sie leicht in die Seite und verdrehte die Augen. „Sei still. Bring ihn nicht noch auf Ideen!“
Harald Thessmann war so offensichtlich an ihr interessiert, dass sie sich schon fast unbehaglich fühlte, als er beim abendlichen Grillen wie selbstverständlich an ihrer Seite Platz nahm und sie mit Essen und Trinken versorgte. Als er ihr die dritte Wurst auf den Teller legte, guckte ihn Alexandra etwas spöttisch an. „Ich bin satt, danke.“
Thessmann wurde rot. Bedingt durch den Alkoholgenuss machte er einige ungelenke Flirtversuche, die aber in verlegenen sprachlosen Momenten endeten. Erst als Arno seine Brüder und deren Familien verabschiedete, wollte auch Thessmann gehen. Nur unter Protest konnte Alexandra ihn davon überzeugen, dass sie im Stande war, allein nach Hause zu gehen und Caro jetzt noch beim Aufräumen helfen musste. Ihr war die Vorstellung, mit ihm allein die Straße hinunter zu laufen, auch wenn es nur drei Häuser weiter war, und sich dann an der Gartentür von ihm zu verabschieden, zu intim. Möglicherweise würde er einen Abschiedskuss erwarten, oder noch schlimmer, erhoffen. Das war nicht das, was sie sich als Abschluss dieses Abends vorstellte. Nein, einen Mann brauchte sie momentan so sehr, wie eine Magen-Darm-Grippe. Mochte er noch so nett sein, was der Pfarrer zweifellos war, oder noch so gut aussehen – was auf Thessmann ebenfalls zutraf. Nein, momentan wollte sie mit dem anderen Geschlecht nur auf freundschaftlicher Basis mit genügend Distanz zu tun haben.
Als sie ihr Haus betrat, fühlte sie sich wie in eine andere Zeit versetzt. Im Wohnzimmer tickte eine alte Standuhr und Oma Liesels Möbelgeschmack war leider nicht mit den Vorstellungen von Alexandra vereinbar. Sie hatte sich nicht getraut, die Terrassentür aufzulassen und so war die Luft im Zimmer stickig, als sie hereinkam. Sie riss die schmale Tür auf und atmete tief die abgekühlte feuchte Abendluft ein. Sie konnte so viel lüften wie sie wollte, der abgestandene Geruch alter Zeitungen, Möbel und Klamotten ließ sich nicht aus den Räumen vertreiben. Jedenfalls nicht, solange die alten Sachen noch herum standen. Seufzend nahm sie auf dem alten Sofa Platz und sah zum Fenster. Neben dem Sofa stand ein Schrank, der im Gegensatz zu dem anderen Mobiliar jüngeren Datums zu sein schien. Alexandra öffnete eine der Türen und nahm ein Weinglas daraus. Kristallglas. Oma Liesel liebte schöne Gläser und so waren die Gläser, die sie über Jahre und Jahrzehnte gesammelt hatte, von guter Qualität. Alexandra hielt das geschliffene Glas hoch gegen das schummrige Licht und drehte es. Es glitzerte und glimmerte, als ob zerstoßene Diamanten in dem Glas verarbeitet worden wären. In der Küche holte sie sich eine Flasche Chardonnay aus dem Kühlschrank und setzte sich wieder ins Wohnzimmer. 
Auf dem kleinen Tischchen vor dem Sofa hatte sie eine Kladde liegen, in der ihre Pläne für eine neue Praxis drin waren. Wirtschaftsplan, ein Plan für die Einrichtungsgegenstände, die sie benötigen würde und die Einkaufsliste für die Therapiemittel. Sie war fast fertig mit der Aufstellung. Über die technische Ausstattung wollte sie noch mit einem Fachmann sprechen, das hatte aber noch ein wenig Zeit. Glücklicherweise hatte sie eine eigene Zulassung als Logopädin in der Praxis mit Oliver gehabt und musste jetzt nur geeignete Räumlichkeiten nachweisen. Therapeutisches Material hatte sie zwar auch in die Praxis eingebracht, aber sie hatten sich geeinigt. Leider musste doch ein Anwalt bemüht werden, um zu dieser Einigung zu kommen. Vermutlich dachte Alexandra, weil Leila Angst hatte, dass sich Oliver aus seinem schlechten Gewissen heraus zu mehr Zugeständnissen bereit erklärt als notwendig. So war es dann auch. Er hat allen Vorschlägen der Anwältin zugestimmt und so war Alexandra mit einer erheblichen Summe aus der Praxis ausgezahlt worden. 
Sie lachte bitter auf. Wenigstens etwas. Wenn sie Leila richtig beurteilt, dann hat Oliver jetzt nichts zu lachen. Wer in dieser Beziehung die Hosen anhatte, war offensichtlich. Letzte Woche hatte Selin, ihre Putzfrau aus der Praxis entnervt bei Alexandra angerufen. Sie berichtete, dass Oliver seit März eine neue Angestellte hatte, die gerade ihr Examen gemacht hatte. Eine sehr hübsche junge Frau, mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein. Seitdem war Leila ständig in der Praxis um Oliver zu überwachen. Das Kind, ein kleiner Junge namens Lionel war am 14. Januar auf die Welt gekommen. Leila war seit April wieder stundenweise in der Praxis tätig und hatte dort das Kommando übernommen. Selin erzählte, dass Oliver fast nur noch Hausbesuche machte und ansonsten auch jede Gelegenheit zur Flucht nutzte, um Leilas Eifersuchtsattacken auszuweichen. An einem Abend hatte Selin noch den Aufenthaltsraum geputzt, als sie mitbekam, wie Leila Oliver eine lautstarke Szene machte, weil der mit der neuen Angestellten Mittagessen gegangen war. Alexandra hatte schadenfroh am Telefon mit Selin über Leila gelästert und fühlte sich besser, seitdem sie wusste, dass Oliver nicht so glücklich in seiner neuen Lebenssituation zu sein schien. Sie hob das Glas. „Na denn. Prost Oliver, du hast es nicht besser verdient, warum sollte es dir auch besser gehen als mir!“ Sie kicherte, als sie sich vorstellte, wie Oliver mit zornigem Gesicht vor Leila saß. Er bekam immer so rote Ohren, wenn er wütend war. Die Ohren wurden knallrot und so mancher alberne Streit, den sie miteinander hatten, endete in Gelächter, wenn Olivers Ohren anfingen zu leuchten. Sie stand auf und schloss die Terrassentür. Zeit, um ins Bett zu gehen. Morgen war Ostermontag und sie wollte mit Caro eine erste Sichtung der oberen Räume machen, die sie bisher noch nicht betreten konnte.
Es war halb neun, als Alexandra durch die schrille Türklingel geweckt wurde. Verschlafen tapste sie die Treppe hinunter und schaute durch das Oberlicht der Haustür nach draußen. Caro. Frisch und schön wie immer. Sie öffnete die Tür.
„Komm rein. Ich schlafe noch!“
„Morgen Küken! Na, siehste. Was für ein Glück, dass ich das Frühstück dabei habe!“
Alexandra gähnte. „Wieso bist du so früh wach? Haben dich deine Kinder nicht schlafen lassen?“
„Das Volk ist noch zu Hause. In einer halben Stunde kommen Arnos Eltern und nehmen die drei Quälgeister mit in den Zoo. Und Arno geht mit seinem Kumpel Dieter Rad fahren.“ Caro zog die Haustür hinter sich zu. „Dieter hat Liebeskummer. Sein Freund hat ihn verlassen“ 
„Oh.“ Alexandra gähnte erneut. „Wie hieß er noch? Antoine oder so?“
„Hm. Antoine ist scheinbar mit einem Kollegen durchgebrannt.“
„Willkommen im Club, Dieter.“ Alexandra machte eine einladende Handbewegung. „Arme Sau. War das nicht eine ganz große Liebe?“
„Die große Liebe, ja. Dachten wir jedenfalls alle. Aber du weißt ja selbst, wie es ist.“
„Danke der Nachfrage. Erinnere mich nicht daran. Was hast du in deinem Körbchen, mein kleines Häschen?“
„Eier natürlich, mein kleines Küken. Was hat man sonst zu Ostern im Körbchen?“ Caro lächelte. „Und ich habe sogar Kaffee mitgebracht!“
„Oh Caro. Ich liebe dich. Kaffee, den ich nicht mit Liesels altem Boiler oder diesem verflixten Herd kochen muss.“ 
Alexandra holte Geschirr aus dem alten Küchenbuffet und deckte den Esstisch, der im Wohnzimmer stand. Caro riss die Terrassentür auf. 
„Puh. Bist du das, oder liegt Oma hier irgendwo hinter dem Sofa?“
„Ne, ne. Weder ich, noch Oma. Es sind die Ausdünstungen der vergangenen fünfzig Jahre dieses Sofas, der Zeitungen, der Schränke und der Klamottensäcke, die hier im Haus überall herumliegen.“
Beim Frühstück machten sie einen Plan, wie sie vorgehen wollten. Caro hatte eine Rolle extra starker grauer Müllsäcke dabei, die sie für die Sachen benutzen wollten, die in jedem Fall entsorgt werden mussten. Alexandra hatte besonders robuste Gummihandschuhe besorgt und hatte bei ihrem Auto, einem Ford Kombi, die Ladefläche umgebaut, so dass sie Platz für die Müllsäcke hatte. Am Dienstag wollte sie nach Ludwigsfelde auf die Mülldeponie fahren und den ersten Teil des geräumten Mülls entsorgen. Soweit war die Planung. Als Alexandra nach einer schnellen kalten Dusche für die Räumaktion einsatzbereit war, saß Caro völlig entsetzt vor dem Schlafzimmer, indem sich Alexandra notdürftig eingerichtet hat.
„Warum hast du mir nicht gesagt, wie es hier wirklich ist? Hier kann man doch nicht wohnen!“
„Hast du dir schon alles angesehen, oder warst du nur im Schlafzimmer?“
„Ich habe alles gesehen, was ich betreten konnte. Ich weiß aber, dass neben dem Schlafzimmer noch ein Zimmer ist. Da kommt man nur über das Zimmer rein, was bis zur Tür vollgestellt ist.“
„Genau. Das Durchgangszimmer. Es wird uns nichts anderes übrig bleiben, als an der Tür anzufangen. Wollen wir wirklich in alle Säcke und Kisten reinschauen?“ 
Alexandra kratzte sich am Kopf. „Dann werden wir nie fertig.“
Caro seufzte. „Ich weiß. Aber ich hoffe ja immer noch, etwas von Mami zu finden.“ 
Traurig schaute sie auf die Tür, die mit Kartons zugestellt war. „Wenigstens noch ein paar Bilder. Oder ihre alten Hüte. Irgendetwas, was ich meinen Töchtern zeigen kann, damit sie wissen, wie ihre Großeltern aussahen. Am schönsten wäre das Hochzeitsbild. Liesel hatte eins, das weiß ich genau.“
„Hast du mal ihre alten Freunde gefragt? Vielleicht haben die ja noch Bilder von deinen Eltern.“
„Klar hab ich das. Aber irgendwie ist das untergegangen, keiner hat uns welche gebracht. Fritz’ Mutter hat behauptet, sie hätte noch Fotos von einem Ausflug mit Liesel, bei dem Ilse und Ebi dabei waren. Aber die Gute ist so durcheinander, da weiß man nicht so genau, ob das stimmt.“
„Komm fass mal an. Wir machen jetzt einfach die erste Kiste auf. Mal sehen, was uns entgegen kommt.“ 
Alexandra versuchte, die oberste Kiste aus dem Chaos auf den Boden zu heben. Fast wäre die Kiste auf sie drauf gefallen, so schwer war sie. Alexandra keuchte. 
„Hilf mir, Caro. Ich kann das Ding nicht mehr halten!“ 
Mit vereinten Kräften schafften sie es, die Kiste auf dem Boden abzustellen, ohne sie fallen zu lassen oder selbst hinzufallen.
„Meine Güte.“ Caro stöhnte. „Wie um alles in der Welt hat Liesel es geschafft, diese Kiste da oben hinzustellen? Das hat die im Leben nicht allein da abgestellt.“
„Keine Ahnung. Vielleicht hatte sie eine Hilfe.“ 
Neugierig betrachteten Caro und Alexandra die Kiste. „Los mach auf“, Caro stupste Alexandra an, die mit einem Teppichmesser die verklebte Kiste aufschnitt. Als die Kiste geöffnet war, sahen sich die beiden Cousinen sprachlos an.

Ende der Leseprobe. Das Buch ist hier erhältlich: Rheingau-Roulette